Neuere Erklärungsansätze
In jüngster Zeit wurden Erklärungsansätze weiter entwickelt, die versuchen, empirisch gesicherte Erkenntnisse zu integrieren. Diese Modelle gehen davon aus, dass für die Entstehung der Borderline-Störung mindestens drei Faktoren verantwortlich sind:
1. Eine gewisse Veranlagung, auf emotionale Reize besonders rasch, heftig und lange zu reagieren.
2. Starke emotionale Belastungsfaktoren in der Kindheit oder Jugend (sexuelle oder schwere körperliche Misshandlungen oder Vernachlässigungen).
3. Ein soziales Umfeld, das “emotionales Lernen” behindert. Das heißt, das Kind lernt nicht, seinen Gefühlen zu vertrauen, diese als stimmig und adäquat zu erleben und zur Steuerung seiner Handlungen zu benutzen.Es müssen nicht immer alle drei Faktoren vorhanden sein, bisweilen genügt das Zusammenspiel von zwei Faktoren, um eine Borderline-Störung zu entwickeln. Fast immer handelt es sich also um sehr lebhafte, gefühlsbetonte und sensible Kinder, die relativ früh mit Belastungssituationen konfrontiert werden, deren Bewältigung sie überfordert. Bislang ist nur wenig über erbliche, das heißt genetische Faktoren bekannt, die zum Entstehen einer Borderline-Störung beitragen. Gesichert ist lediglich, dass im Erwachsenenalter die Betroffenen sehr rasch und sehr heftig auf emotionale Reize reagieren, dass es oft sehr schwierig ist, unterschiedliche Gefühle überhaupt klar zu benennen, dass vielmehr häufig unerträgliche Spannungszustände vorherrschen. Weiterhin wissen wir, dass diese Spannungszustände häufig so stark sind, dass ein klares Denken nur noch sehr eingeschränkt möglich ist, und dass sich die Betroffenen dann auch körperlich kaum wahrnehmen. Einige Theoretiker nehmen nun an, dass diese hohe Sensibilität angeboren ist, andere meinen, dass dies die Folge von schweren traumatisierenden Erfahrungen ist, oder dass beide Faktoren zusammenwirken.



