Missbrauch
Wir wissen mittlerweile, dass über 70% aller Patientinnen mit Borderline-Störungen Opfer von sexuellem Missbrauch in der Kindheit sind, dass die Missbrauchssituation sehr häufig lange anhielt und enge Bezugspersonen im Täterkreis waren. In aller Regel wurde das Sprechen darüber strengstens verboten und die betroffen Kinder entsprechend bedroht. Nun entwickeln nicht alle Kinder, die Opfer sexueller Übergriffe werden, im Laufe ihres Lebens eine Borderline-Störung. Welche Umstände davor schützen und welche Umstände dafür besonders anfällig machen, ist bisher noch nicht vollständig geklärt. Es scheint jedoch sicher, dass gerade Kinder, die eine sehr dichte Beziehung zum Täter entwickeln, lernen müssen, ihren eigenen Gefühlen zu misstrauen bzw. diese als falsch zu bewerten. Gedanken, wie “ich habe es ja eigentlich verdient, der Vater/Onkel/die Mutter wird wissen, was er/sie tut, das ist alles ein Zeichen, dass sie mich lieben”, wirken aus Sicht der Betroffenen zunächst vernünftig und graben sich als Grundannahmen tief in das Selbstbild ein. Ein weiterer wichtiger Aspekt: Viele Opfer von Gewalttaten lernen zu “dissoziieren”, das heißt, unser Organismus reagiert auf starke Bedrohung und äußerste Gefahr damit, dass die Wahrnehmung für die Realität reduziert wird. Die optischen Eindrücke verändern sich, Geräusche klingen nur noch wie von weiter Ferne, Gerüche werden nur noch reduziert wahrgenommen, das Gefühl für Raum und Zeit verändert sich; kurz, alles wird fremd und wie unwirklich. Negative Gefühle wie Angst oder Furcht verschwinden, man fühlt sich seltsam leblos. Bisweilen berichten Betroffene, dass sie ihren Körper verlassen, und scheinbar gelassen von außen die Szenerie betrachten. Dieser “Schutzmechanismus” des Körpers wirkt kurzfristig beruhigend, wird jedoch längerfristig, das heißt, wenn diese Phänomene wiederholt eintreten, zum Problem.



